Rückenzentrum Hamburg: Diagnostik, Therapie, Prävention
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Wirbelgleiten (Spondylolisthesis)

Was ist eine Wirbelgleiten (Spondylolisthesis)?

Unter Spondylolisthese versteht man das Wirbelgleiten des oben liegenden Wirbelkörpers im Verhältnis zu dem darunter liegenden. Dieser kann nach vorne (Anterolisthese) oder nach hinten gleiten (Retrolisthese). 

Wie entsteht Wirbelgleiten (Spondylolisthesis)?

Die häufigste Ursache für ein Wirbelgleiten ist eine Spondylolyse. Dieses bezeichnet einen Defekt im Bereich des Wirbelbogens (Interartikularportion).

Die Ursachen hierfür können angeboren (Dysplasie, Spina bifida) oder durch Knochenbrüche, Ermüdungsfrakturen, postoperativ, pathologisch oder degenerativ erworben sein. 

Bezüglich des Auftretens einer Spondylolyse bestehen regionale, aber auch ethnische Unterschiede. Es zeigt sich eine Spondylolyserate bei Frauen schwarzer Hautfarbe von unter 1% und bei Eskimos bis zu 54% der Bevölkerung [1]. Weiter zeigt sich bei Kindern, die Sportarten mit zyklischen und reklinierenden Wiederholungen durchführen (zum Beispiel Delphinschwimmen, Turnen) im Sinne einer Streßfraktur eine erhöhte Spondylolyserate. Die genaue Genese ist noch nicht hinreichend geklärt. Man weiß jedoch, dass es sich dabei um ein multifaktorielles Geschehen handelt, auf der Basis mechanischer, genetischer und hormoneller Faktoren [2].

Wie macht sich Wirbelgleiten bemerkbar?

Bei Patienten mit einer Spondylolyse zeigt sich eine erhöhte Beweglichkeit im betroffenen Segment. Die sich dadurch geänderte Biomechanik führt zu einem asymmetrischen Wachstum der Grund- und Deckplatte der Wirbelkörper und zu einer allmählichen Verschiebung  bzw. Verkippung des oberen Wirbelkörpers gegenüber dem darunter liegendem [3]. Am häufigsten findet sich die Spondylolyse im Bewegungssegment L5/S1 (82 %), gefolgt vom Bewegungssegment L4 / L5 (11%) [2].

Bei intakten Wirbelbögen kann es im Verlauf zu Verschleißerscheinungen der Bandscheibe und der kleinen Wirbelgelenken kommen und so zu einer Verschiebung der Wirbelkörper gegeneinander (Pseudospondylolisthese) [3].

Welche Beschwerden macht ein Wirbelgleiten?

Das Wirbelgleiten und die Spondylolyse entwickeln sich oft asymptomatisch, so dass es sich häufig um einen radiologischen Zufallsbefund handelt. Bei ausgeprägtem Wirbelgleiten ist oft die Verschiebung des Rumpfes sichtbar und es kommt zu einer vermehrten Hohlkreuzbildung (Sprungschanzenphänomen) [3] bzw. aufgehobener Rundrückenbildung im Brustwirbelbereich. Dieses kann bis zur einer kompensatorischen Beckenverkippung führen. Durch die Beckenverschiebung kommt es zu einer relativen Verlagerung der Hüftgelenke nach vorne, so dass kompensatorisch die Hüft- und Kniegelenke gebeugt werden.

Die klinischen Symptome beginnen in aller Regel mit einem lokalen, belastungsabhängigen Klopfschmerz. Es kann jedoch zu Verwachsungen zwischen dem Bindegewebe füllendem Wirbelbogenspalt und der Nervenwurzel führen [4], so dass es bei zunehmendem Wirbelgleiten zu radikulären Symptomen kommen kann. Außerdem kann der Nerv durch vorhandene Bänder, aber auch durch die knöchernen seitlichen Vorsprünge (Proc spinosus) komprimiert werden.

Des Weiteren kann das Wirbelgleiten zu einer spinalen Enge führen und so zu einem Spasmus der ischiocruralen Muskulatur führen. Dieses äußert sich in einer Hüftlendenstrecksteife, die für diese Erkrankung charakteristisch, jedoch sehr selten zu sehen ist.

Bei degenerativem Wirbelgleiten klagen die Patienten insbesondere über lokalen Kreuzschmerz. Bei fortschreitendem Gleiten kann es zu ischialgieformen Schmerzen oder sogar zu einer Claudicatio-Symptomatik führen (hierzu siehe Kapitel: Spinalkanalstenose).

Wie stellt man Wirbelgleiten fest?

Zur Diagnosesicherung einer Spondylolisthese wird ein Röntgenbild des betroffenen Wirbelsäulenabschnittes in 2 Ebenen angefertigt. Eine 45° Schrägaufnahme zeigt die ggf. vorhandene Kontinuitätsunterbrechung des Wirbelbogens im Sinne einer Spondylolyse. Dieses wird auf Grund der guten weiterführenden Diagnostik wie CT und MRT kaum noch durchgeführt. 

Funktionsaufnahmen der Wirbelsäule erlauben eine Abschätzung der segmentalen Beweglichkeit [4]. Für bestimmte Messparameter ist ein Röntgenbild der gesamten Wirbelsäule erforderlich. Bei symptomatischen Patienten mit Spondylolyse ist eine regelmäßige Röntgenverlaufskontrolle indiziert, um ein Fortschreiten des Prozesses frühzeitig zu erkennen.

Das Ausmaß des Wirbelgleitens wird nach Meyerding klassifiziert [5]. Im seitlichen Strahlengang viertelt man die Deckplatte des unten liegenden Wirbelkörpers oder Kreuzbeinplateus in 4 gleichgroße Anteile. Entsprechend der Hinterkante des darüber liegenden Wirbelkörpers erfolgt die Einteilung (Meyerding Grad 1,2 etc). 

Bsp: Meyerding Grad 1 ist somit das Abrutschen des darüber liegenden Wirbelkörpers um ¼ der Größe des darunter liegenden Wirbelkörpers. Ein komplettes Abrutschen des Wirbelkörpers wird als Spondyloloptose bezeichnet.

Ein MRT ist bei nervaler Problematik indiziert, um die Problemursache und die Lokalisation auf zu finden. Auch kann das Auftreten eines Knochenödems ein Hinweis auf das Alter der Spondylolyse geben [2]. Weiter können die Bandscheiben der Anschlusssegmente beurteilen werden und ein gewisses Stabilitätsausmaß beurteilt werden.

Im CT kann die knöcherne Situation genauer beurteilt werden mit dem genauen Ausmaß des knöchernen Defektes. 

Mit Hilfe einer Szinthigraphie kann ich frische Defekte, welche noch ein konservatives Heilungsvermögen bieten, von alten Defekten unterscheiden. 

Wie wird Wirbelgleiten behandelt?

80% der Patienten sind beschwerdefrei und bedürfen somit keiner spezifischen Therapie [2]. Ein weiterer Anteil der symptomatischen Patienten hat „unspezifische“ Rückenschmerzen, wie z.B. Muskelschmerzen. Diese Patienten bedürfen auch keiner spezifischen Therapie, sondern werden symptomatisch behandelt. Patienten mit „spezifischen“ Rückenschmerzen auf Grund des Wirbelgleitens sollten die Rücken- und Bauchmuskeln explizit trainieren und aufbauen.
Eine Progredienz des Wirbelgleitens beim Erwachsenen ist nur in Ausnahmefällen zu erwarten. Eine operative Versorgung ist in Einzelfällen indiziert z.B. bei zunehmenden neurologischen Ausfällen, therapierefraktären Rückenschmerzen. Wir empfehlen diesbezüglich stets das Einholen einer zweiten Meinung.

Bei Kindern kann eine Progression des Wirbelgleitens durch konservative Therapie nicht wesentlich aufgehalten werden. Während des Knochenwachstums ist daher eine regelmäßige klinische und radiologische Kontrolle indiziert. Ein Sportverbot gibt es nicht, allerdings sollten o.g. Sportarten mit sich wiederholenden Rückneigungen des Oberkörpers bzw. Hohlkreuzbildung (Turnen, Delfinschwimmen) vermieden werden. Bei Kindern mit einem Meyerding Grad III und IV sollte eine operative Versorgung - nach Einholen einer Zweitmeinung - erwogen werden.
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