Kieferschmerzen – was dahinterstecken kann und welche Behandlung Erfolg verspricht!

Ein Beitrag von C. Eich und A. Palisi

Hat jemand Beschwerden im Kopf- und Kieferbereich, kann die Diagnose cranio-mandibuläre Dysfunktion (CMD) vorliegen. Auch das Zähneknirschen- und pressen (Bruxismus) verursacht ähnliche Symptome. Trotzdem sind die beiden Begriffe keine Synonyme. Lesen Sie hier über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen CMD und Bruxismus und welchen Stellenwert Körperwahrnehmung und Entspannung bei diesem Thema einnehmen.

Cranio-mandibuläre Dysfunktion (CMD)

Kardinalsymptome einer CMD sind:

  • schmerzhaft eingeschränkte Kieferbewegungen
  • Schmerzen im Bereich der Kiefergelenke und der Kaumuskulatur
  • eine eingeschränkte Kieferfunktion, z. B. beim Kauen, Sprechen, Gähnen etc. (1).
Welche Unterschiede gibt es bei einer CMD?

Man unterscheidet CMD, die eher von der Muskulatur ausgeht, von solcher, die ihre Ursache eher im Gelenk selbst findet.
Teilweise besteht ein lautes Knacken des Kiefers, z. B. beim weiten Öffnen des Mundes oder während der Mahlzeiten. Ein Knacken des Kiefers ist nicht besorgniserregend und bedarf keiner besonderen Behandlung, solange es nicht weh tut (2). Das Knacken wird überwiegend durch eine zeitversetzte Bewegung von Kieferköpfchen einerseits und der darüber befindlichen beweglichen Knorpelscheibe (Discus) andererseits ausgelöst. Dieses Phänomen bezeichnet man auch als anteriore Discusverlagerung mit Reposition. Die gute Nachricht: Ein schmerzfreies Knacken bedeutet nicht, dass Sie früher oder später eine schmerzhafte CMD bekommen werden (2).

Wie behandelt man eine CMD?

In der Therapie der CMD kommen manualtherapeutische Maßnahmen, aber vor allem Übungen zum Einsatz, um

  • die Wahrnehmung für den Kieferbereich zu verbessern
  • das koordinierte Zusammenspiel der Muskulatur zu fördern
  • die Gelenke zu entlasten.
Weitere Informationen finden Sie auch auf unserer Homepage unter der Rubrik Krankheitsbilder.
Schmerzen im Kieferbereich können verschiedenste Ursachen haben. Zähneknirschen ist ein häufiger Auslöser.
Bruxismus

Bruxismus bezeichnet unter anderem das Zähneknirschen oder Pressen mit den Zähnen.

In der Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) findet sich folgende Formulierung: Bruxismus ist „eine wiederholte Kaumuskelaktivität, charakterisiert durch Kieferpressen und Zähneknirschen und/oder Anspannen oder Verschieben des Unterkiefers ohne Zahnkontakt” (3).

Der primäre Bruxismus tritt ohne erkennbare Ursache auf (idiopathisch) und ist aus Sicht der aktuellen Forschung nicht ursächlich heilbar (3).

Auslöser für den sekundären Bruxismus können sein:

  • Schlafstörungen (z. B. durch eine gestörte Atmung im Schlaf bei Schnarchern)
  • Medikamente wie Antidepressiva oder Herz-Medikamente
  • Drogen wie Kokain, aber auch bereits legale Substanzen wie Nikotin und Alkohol
  • ein erlittenes Schädel-Hirn-Trauma
  • Refluxbeschwerden.

Man unterscheidet Schlaf- von Wachbruxismus. Während für den Schlafbruxismus eher oben aufgeführte Ursachen genannt werden, scheint der Wachbruxismus überwiegend psychologische Ursachen zu haben, wie emotionaler Stress, Angst, gestörte Stressverarbeitung oder Depressionen (3).

Wie häufig kommt Bruxismus vor?

Ein Blick in die Literatur weist darauf hin, dass rund 13 Prozent (+/- 3,1) der Erwachsenen an einem Schlafbruxismus leiden, der Wachbruxismus ist mit rund 22 bis 31 Prozent vertreten (3).

Zum Schutz der Zähne und zur Entlastung der Kiefergelenke kommen Aufbissschienen zum Einsatz.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Sowohl Bruxismus als auch CMD können mit Schmerzen im Bereich der Kiefergelenke und der Kaumuskulatur einhergehen und die endgradige Mundöffnung kann eingeschränkt sein. Auch begleitende Kopfschmerzen sind in beiden Fällen möglich, z. B. Schläfenkopfschmerz nach dem Erwachen. Beim Bruxismus kann es auch zu empfindlichen Zähnen und einer starken Ausprägung der Kaumuskulatur kommen („Hamsterbäckchen”). Auch kann es zu einer unerwünschten gesteigerten Zahn-Beweglichkeit kommen. Zahnfüllungen und –rekonstruktionen können durch Bruxismus kaputt gehen.

Ob Bruxismus die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer CMD erhöht, ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Bruxismus und CMD können, müssen aber nicht zwangsläufig miteinander einhergehen. Viele Bruxismus-Patienten berichten über Zeichen und Symptome einer CMD (3), aber es gibt auch Menschen, deren Zahnsubstanz durch das Knirschen bereits deutlich angegriffen ist, die aber ansonsten über keine Einschränkungen des Kiefers berichten.

Entspannung: Therapiebaustein bei Bruxismus

Bei der Therapie von Bruxismus spielt die psychische Anspannung eine große Rolle. Redewendungen gibt es genug: Man zeigt die Zähne, beißt sich durch, beißt die Zähne aufeinander … im wahrsten Sinne des Wortes.

Beim Pressen und Zähneknirschen tagsüber können Sie Ihr Verhalten beobachten: Verkrampfen Sie sich bei einer anspruchsvollen Aufgabe in der Arbeit? Verbeißen Sie sich in eine „harte Nuss”, die Sie knacken wollen? Vielleicht helfen Ihnen zur Erinnerung post-its oder der Handy-Alarm dabei, sich zu beobachten und zu überprüfen: Drücke ich meine Zähne zusammen? Kann ich bewusst lockerlassen?

Stichwort Schlafhygiene. Folgende Tipps können helfen, Ihren Schlaf zu verbessern:

  • eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen kein Smartphone mehr benutzen
  • keine Serien gucken oder spannende Krimis lesen
  • keine unerfreulichen Kontoauszüge studieren oder sich lästige Versicherungsunterlagen zu Gemüte führen.

Diese Tipps sind naturgemäß pauschal – probieren Sie selbst aus, was für Sie Sinn macht. Auch Einschlafrituale, wie ein kleiner Spaziergang oder ein paar Atemübungen vorm Einschlafen können helfen, sachte in die Nachtruhe zu starten.

Progressive Muskelentspannung nach Jacobson

Die Experten der Leitlinie Bruxismus (3) stimmen darin überein, dass das Erlernen eines Entspannungsverfahrens, wie progressive Muskelentspannung nach Jacobson, eine Möglichkeit für Patienten mit Bruxismus sein kann, die eigene Körperwahrnehmung und Achtsamkeit zu schulen.

Progressive Muskelentspannung
Wie ist die psychologische Sicht auf das Thema Bruxismus?
Foto: Carolin Eich

Carolin Eich, Psychologin im Rückenzentrum Am Michel, schildert, wie sie sich mit ihren Patienten diesem Thema nähert.

Das Zusammenpressen der Zähne kann unbewusst als Ventil zum Stressabbau dienen. Ursachen dafür können zum Beispiel beruflicher Stress, finanzielle Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie sein. Aber auch psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Ängste können eine Rolle spielen. Eine Methode, mit der viele Patienten gute Erfahrungen machen, ist das Erlernen eines Entspannungsverfahrens. Neben Atemübungen, Imaginationstechniken und autogenem Training kommt in meiner Arbeit vor allem die progressive Muskelentspannung nach Jacobson zum Einsatz. Das Verfahren ist ganz einfach zu erlernen und kann helfen, Anspannung und die damit verbundene Muskelaktivität zu senken. Dabei werden verschiedene Muskelgruppen bewusst an- und wieder entspannt. Dadurch können Sie schrittweise lernen, in die einzelnen Muskeln hinein zu spüren und mit der Zeit besser wahrzunehmen, wann diese angespannt oder entspannt sind. Das braucht etwas Übung, aber es lohnt sich, dranzubleiben!

Grundsätzlich kann jeder lernen, sich zu entspannen. Probieren Sie es doch gleich einmal mit einer kleinen Übung aus der progressiven Muskelentspannung aus:

Pressen Sie die Lippen leicht aufeinander, ziehen ihre Mundwinkel nach hinten in Richtung Ohren und drücken Sie ihre Zunge gegen den oberen Gaumen. Die Zähne sind dabei leicht geöffnet. Halten Sie diese Anspannung für einen kurzen Moment und lassen dann alle Muskeln wieder ganz locker.

Stressreduktion – Ansetzen an den Ursachen

Neben dem Erlernen von Entspannungstechniken lässt sich das Thema Bruxismus auch langfristig mit Stressreduktion angehen. Dabei kann Selbstbeobachtung ein erster wichtiger Schritt sein, um eigene ungünstige, stressverstärkende Verhaltensmuster zu identifizieren und neue Strategien im Umgang mit Stress zu entwickeln. Fragen Sie sich doch einmal: Was stresst mich?

Fällt es Ihnen beispielsweise schwer, auch mal Nein zu sagen und Sie wissen bei den vielen Aufgaben gar nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht? Damit sind Sie nicht allein. Ich höre von Patienten oft, dass diese für den Geburtstag einer Freundin schnell einen Kuchen backen, dem Bruder beim Umzug helfen und nach einem langen Arbeitstag noch Überstunden dranhängen. Und das auch, wenn eigentlich keine Zeit und Energie dafür da ist. Da werden eigene Bedürfnisse öfter mal runtergeschluckt und „die Zähne zusammengebissen”. Doch was ist Ihnen im Leben wirklich wichtig? Notieren Sie sich doch einmal ihre Prioritäten. Dazu gehört auch, hin und wieder mal Nein zu einer Bitte zu sagen und sich mehr Raum für persönliche Wünsche zu schaffen. So kann Ihnen klarer werden, was Sie wirklich wollen oder vielleicht auch nicht wollen.

Wer sich nicht selbst zu helfen weiß, kann sich auch professionelle Hilfe beim Psychologen suchen, um dort mehr Klarheit über mögliche Stressfaktoren und den Umgang mit diesen zu gewinnen.

Biofeedback gegen Bruxismus

Auch Biofeedback kann laut der Experten der Leitlinie Bruxismus (3) zur Reduktion von Wach- und Schlafbruxismus angewendet werden. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem elektrische Sensoren eingesetzt werden, welche die Muskelaktivität messen und der betroffenen Person über optische und akustische Signale Rückmeldung geben. So können Sie lernen, das meist eher unbewusst ablaufende Zähneknirschen besser wahrzunehmen und zu steuern. Seit einigen Jahren gibt es auch Schienen, die mit dieser Biofeedbacktechnik arbeiten (4). Beim Zubeißen wird der Träger durch Vibrieren und einen Summton auf das Zähneknirschen aufmerksam gemacht. Sobald der Druck nachlässt, stoppen die Signale. So wird der Träger der Schiene unterbewusst konditioniert, weniger zu knirschen.

Fazit

Während man bei einer CMD die Ursache in der Muskulatur oder dem Gelenk findet, ist sie beim Bruxismus vielfältiger. Die Behandlung einer CMD erfolgt meist in Form einer Übungstherapie, unterstützt durch Manualtherapie, beim Bruxismus ist vor allem psychologische Unterstützung angeraten. Ansatzpunkte für die Behandlung sind Entspannungsverfahren, Stressreduktion und Biofeedback.
Von Person zu Person können ursächliche Faktoren für das Zähneknirschen und -pressen ganz unterschiedlich zusammengesetzt sein. Probieren Sie daher aus, welche Methoden Ihnen guttun und zu einer Reduktion Ihrer Beschwerden beitragen.


Literatur:

(1) Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD): Diagnostisches Flussdiagramm. https://www.uniklinikum-leipzig.de/einrichtungen/zahn-prothetik/Freigegebene%20Dokumente/flussdiagramm-zahn-prothetik-uniklinikum-leipzig.pdf (Zugriff am 29.09.2021)

(2) Türp JC, Schindler HJ. 2020. Screening für kraniomandibuläre Dysfunktionen. Der Schmerz, 34:13-20.

(3) S3-Leitlinie (Langversion): Diagnostik und Behandlung von Bruxismus https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/083-027l_S3_Bruxismus-Diagnostik-Behandlung_2019-06.pdf (Zugriff am 29.09.2021)

(4) https://www.quintessence-publishing.com/deu/de/news/zahnmedizin/kieferorthopaedie/bruxismus-erfolgreich-mit-biofeedback-schiene-behandeln (Zugriff am 10.11.2021)

Autor: Anna Palisi

Die Physiotherapeutin Anna Palisi verfügt über 11 Jahre Berufserfahrung und arbeitet seit 2017 im Rückenzentrum Am Michel. Aktuell lässt sie sich zur CRAFTA-Therapeutin (Cranio Facial Therapy Academy) ausbilden.

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