Schmerzen in der Leiste? Was dahinter stecken könnte.

Das Hüft-Impingement
Ein Beitrag von Matthias Pösl und Anna Palisi

Das Aufstehen nach längerem Sitzen bereitet Ihnen Schmerzen im Leistenbereich, körperliche Belastungen führen zu Steifigkeitsgefühlen in der Hüfte und Ihre Beweglichkeit ist eingeschränkt? Diese Symptomatik kann auf verschiedene Hüfterkrankungen hinweisen.
Eine ist das Femoroazetabuläre Impingement (FAI), die wir Ihnen in diesem Beitrag vorstellen möchten.

Was ist ein Femoroazetabuläres Impingement (FAI)?

Hinter diesem Begriff verbergen sich das Femur = Oberschenkelknochen, das Azetabulum = die Hüftgelenkspfanne und das Impingement, das so viel wie Einklemmung bedeutet, verkürzt: Engesyndrom der Hüfte. Voilà, jetzt haben Sie schon einmal eine Idee, an welcher Stelle wir uns gerade befinden.

Man unterscheidet drei Formen des FAI:

  1. das sogenannte Cam-Impingement,
  2. das Pincer-Impingement,
  3. sowie eine Mischform, bei der Zeichen beider Subtypen zu finden sind.

Während beim Cam-Impingement zu viel Knochenmaterial am Oberschenkelhals für Probleme sorgen kann, ist es beim Pincer-Impingement so, dass die Hüftpfanne den Hüftkopf über Gebühr umschließt.

Diese strukturellen Veränderungen führen zu einem nicht optimalen Kontakt der beiden Gelenkpartner und können Schmerzen verursachen. Gleichzeitig können dadurch auch der Gelenkknorpel und die Gelenklippe (Labrum) beeinträchtigt werden (1). Wie so oft gibt es aber nicht nur Schwarz und Weiß: Die beschriebenen Veränderungen werden mitunter auch bei Menschen festgestellt, die keine Beschwerden haben. Folglich muss es nicht zwangsläufig zu Problemen kommen.

Wer ist von einem FAI betroffen?

Von einem FAI sind insbesondere Menschen zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr betroffen (2). Das ergab eine große, multizentrische Studie aus Nordamerika, an der insgesamt acht Einrichtungen teilnahmen. Dabei wurden die Merkmale von 1076 Patienten, die sich aufgrund ihres FAI hatten operieren lassen, analysiert. 55 Prozent der Patienten waren weiblich, die meisten hatten entweder ein Cam-Impingement (rund 48 Prozent) oder eine Mischform (rund 45 Prozent). Der Body Mass Index (BMI) lag durchschnittlich bei 25 und war somit noch im normalgewichtigen Bereich, die Betroffenen hatten also kein Übergewicht. Die Patienten waren vergleichsweise jung, durchschnittlich 28 Jahre alt (3).

Welche Faktoren erhöhen das Risiko für ein FAI?

Derzeit besteht noch Forschungsbedarf, aber folgende Faktoren können das Risiko für das Auftreten eines FAI erhöhen:

  • genetische Veranlagung (z. B. gehäuft bei Geschwistern)
  • Hüfterkrankungen in der Kindheit, z. B. Morbus Perthes
  • hochintensive Belastungen in der Wachstumsphase, z. B. beim Fußball, Basketball, Eishockey (1)
Welche Symptome haben Menschen mit FAI?

Knapp 90 % der Betroffenen berichten über vorderen Hüft- bzw. Leistenschmerz, knapp 70 % haben Schmerzen seitlich im Hüftbereich. Sowohl Symptome im vorderen Oberschenkel sind möglich (35 %), als auch im Gesäß, Knie oder im LWS-Bereich (20 – 30 %) (4). Typischerweise werden Schmerzen durch (tiefes) Sitzen provoziert. Des Weiteren können Übungen wie Kniebeugen (Squats) symptomauslösend sein. Ferner berichten Patienten über Steifigkeitsgefühle, teilweise besteht vorübergehend ein hinkendes Gangbild nach körperlicher Belastung. Der Schmerz kann phasenweise auftreten, im späteren Verlauf ist auch ein Dauerschmerz möglich (2).

Wie wird ein FAI diagnostiziert?

Ursächlich für ähnliche Beschwerden können auch andere Hüfterkrankungen sein, z. B. ein nicht optimal ausgebildetes Hüftgelenk (Hüftdysplasie) oder Gelenkverschleiß im Sinne einer Arthrose. Daher ist die Bildgebung in Form von Röntgenaufnahmen unabdingbar, um die Verdachtsdiagnose FAI zu überprüfen. Gelegentlich wird mit Hilfe einer Magnetresonanztomographie (MRT) zusätzlich noch der Zustand der Gelenklippe beurteilt.

In der physiotherapeutischen Befunderhebung inspiziert der Physiotherapeut das Gangbild und ermittelt über spezielle Tests u. a. die Kraft der Hüftmuskulatur und das Bewegungsausmaß der Hüfte im Seitenvergleich. Eine schmerzhafte Einschränkung bei der Beugung als auch der Innenrotation gelten als charakteristische Merkmale für ein FAI.

Die Therapeutin ermittelt im Rahmen ihrer Untersuchung, welche Bewegung den vom Patienten beschriebenen Schmerz auslöst.

Weitere Tests, wie z. B. eine Bewegungskombination aus Hüftbeugung, -innenrotation und -anspreizung des Beines können ebenfalls einen Hinweis auf ein FAI geben. In diesem Fall bewegt der Physiotherapeut das Bein am liegenden Patienten in die Richtung, in der der Schmerz ausgelöst wird. Jetzt ist es wichtig, den Patienten zu fragen, ob es sich um den typischen Hüftschmerz oder um einen anderen lokalen Schmerz handelt (z. B. durch Muskeldehnung)? Allerdings muss man dabei immer bedenken, dass diese klinischen Tests nicht zu 100 % spezifisch sind, da sie auch auf andere Hüfterkrankungen hinweisen können, also nicht unbedingt zwingend nur auf das FAI. Vielmehr müssen alle verfügbaren Informationen, auch aus dem Patientengespräch, beurteilt und gewichtet werden, um am Ende zu einem gesicherten Ergebnis zu gelangen.

Wie therapiert man ein FAI?

Zurzeit besteht noch Bedarf an wissenschaftlichen Studien, die den Einsatz von Physiotherapie zur Behandlung des FAI strukturiert untersuchen. Darüber hinaus ist auch noch nicht abschließend geklärt, ob Patienten eher von operativer oder konservativer Therapie profitieren. Die Empfehlungen in der Literatur sind uneinheitlich (5).

Bezogen auf das konservative Vorgehen, empfiehlt die American Physical Therapy Association (APTA) folgende Therapie (1):

  • schmerzhafte Aktivitäten/Bewegungen vorübergehend reduzieren bzw. modifizieren (etwas „anders“ machen)
  • angepasste Kräftigungstherapie und Dehnungen der Rumpf-, Hüft- und Beinmuskulatur im schmerzfreien Bereich
  • Koordinations- und Ausdauertraining
  • Aufklärung über das Krankheitsbild
  • Schmerzmanagement

Entscheidet sich der Patient für eine Operation, wird in der Regel eine Arthroskopie (ASK) durchgeführt. So kann z. B. überschüssiges Knochenmaterial entfernt oder die Gelenklippe getrimmt werden. In Einzelfällen werden auch komplexere Umstellungs-Osteotomien zur Verbesserung der Hüftmechanik vorgenommen.

Darüber, in welchem Maß ein FAI zur Entwicklung einer Arthrose beitragen kann, gibt es aktuell noch keinen Konsens. Daneben ist auch noch nicht geklärt, welcher Subtyp (Cam, Pincer, gemischt) stärker betroffen ist (1).

Fazit

Beim FAI gibt es verschiedene Subtypen, am häufigsten sind die Mischform und das Cam-Impingement. Zur Absicherung der Diagnose sind Röntgenaufnahmen der Goldstandard. Dabei kommen sowohl konservative Therapiemaßnahmen als auch Operationen zum Einsatz. Als gesichert gilt ferner, dass nicht alle Menschen, bei denen man strukturelle Veränderungen im Sinne eines FAI findet, auch Symptome haben .


Literatur

(1) Pun S, Kumar D, Lane NE (2015). Femoroacetabular Impingement. Arthritis Rheumatol. 67, 1: 17–27

(2) Diemer F, Sutor V. 2018. Praxis der medizinischen Trainingstherapie: 1: Lendenwirbelsäule, Sakroiliakalgelenk und untere Extremität (3., aktualisierte und erweiterte Auflage). Stuttgart: Thieme.

(3) Clohisy JC, Baca G, Beaulé PE, et al. 2014. Descriptive Epidemiology of Femoroacetabular Impingement: A North American Cohort of Patients Undergoing Surgery. Am J Sports Med. 41:1348–56 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23669751/

(4) Clohisy JC, Knaus ER, Hunt DM, Lesher JM, Harris-Hayes M, et al. 2009. Clinical presentation of patients with symptomatic anterior hip impingement. Clinical Orthopaedics and Related Research, 467, 3: 638–44.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2635448/

(5) Kim CH, Moon JK, Yoon JY, Lee S, Kim WJ, et al. 2020. Arthroscopy versus nonoperative treatment of symptomatic femoroacetabular impingement syndrome: A systematic review and meta-analysis. Medicine (Baltimore) 99, 49: e23247
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7717757/


Anschauliche Fotos und weitere Informationen zu diesem Krankheitsbild finden Sie auch im Artikel des Hamburger Ärzteblattes, Ausgabe 05/2019: Wenn die Leiste zwickt und es doch kein Leistenbruch ist …

Autor: Anna Palisi

Die Physiotherapeutin Anna Palisi verfügt über 11 Jahre Berufserfahrung und arbeitet seit 2017 im Rückenzentrum Am Michel. Aktuell lässt sie sich zur CRAFTA-Therapeutin (Cranio Facial Therapy Academy) ausbilden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.