Wann waren Sie zuletzt Waldbaden?

… und warum es sich lohnt, damit anzufangen!

Schon seit langem wollte ich einen Artikel über die positiven Auswirkungen eines Waldspazierganges (Waldbaden) schreiben, stieß aber immer wieder auf stirnrunzelnde Menschen, wenn ich davon erzählte. „Naja, spazieren gehen kann man doch überall”, sagten viele, „eine beruhigende Wirkung stellt sich bestimmt auch im Park ein.”

Eine Studie, bei der Daten aus über 20 Ländern, inklusive Deutschland, Großbritannien, den USA, Spanien und Japan von mehr als 290 Millionen Menschen ausgewertet wurden, kommt zudem zu der Erkenntnis: Menschen, die in der Nähe von Grünflächen wohnen oder möglichst viel Zeit darin verbringen, sind insgesamt gesünder (1). Sie

  • leiden seltener an Diabetes II und Herz-Kreislauf-Krankheiten,
  • haben einen niedrigeren Puls und Blutdruck,
  • bekommen mehr Schlaf,
  • sterben seltener früh,
  • stehen weniger unter Stress (gemessen am Cortisol-Gehalt im Speichel).
Die Vermutung, dass Grünflächen den Menschen guttun, ist nicht neu: Schon vor mehr als 200 Jahren ernannte man Parks zu „Lungen” der Stadt und setzte sich für ihren Ausbau und Erhalt ein.

Sagen diese Ergebnisse aber etwas darüber aus, wie Natur und Grünflächen unsere Gesundheit fördern – oder ob es überhaupt einen kausalen Zusammenhang gibt? Kann es nicht vielleicht sogar so sein, dass gesundheitsbewusste Menschen häufiger in der Nähe von Grünflachen wohnen? Sie sich durch die benachbarten Parks, Wälder und Wiesen mehr bewegen und so ihre Gesundheit fördern?

Selbstverständlich kann das ein Grund für die vergleichsweise gute Gesundheit dieser Menschen sein.

Aber taucht man einmal tiefer in das Thema „Wald und Gesundheit” ein, so stellt man fest, dass auf diesem Gebiet bereits vielfältig geforscht wurde und die gewonnenen Erkenntnisse sehr beeindruckend sind (2).

Waldbaden als Therapeutikum

Der japanische Forscher Qing Li, Professor für Umweltimmunologie, beschäftigt sich damit seit den 1980er Jahren und prägte den Begriff „Shinrin-yoku” (Waldbaden) (3). Shinrin-yoku wird in Japan von offiziellen Stellen propagiert, ist als therapeutische Anwendung anerkannt und wird seit Jahren wissenschaftlich untersucht. 2012 wurde an japanischen Universitäten sogar ein eigener Forschungszweig für „Waldmedizin“ eingerichtet. Dort ist man davon überzeugt, dass eine regelmäßige „Dosis Wald” sowohl unser Wohlbefinden steigert, uns vor stressassoziierten Krankheiten schützt und die mentale Gesundheit erhöht. Darüber hinaus sorgt sie noch für eine Verbesserung

  • des Immunsystems (ablesbar an der Erhöhung sog. Killerzellen)
  • der Regeneration
  • der Heilungsprozesse
  • des Blutdruckes und der Herzfrequenz
  • des Schmerzempfindens.
Und…? Worauf warten Sie noch?

In unseren Breiten ist man gegenüber der medizinischen Wirkung heimischer Wälder noch einigermaßen skeptisch. Und auch wenn die japanischen Waldmediziner recht haben sollten, steht ja noch der Beweis aus, dass auch Eichen, Buchen und Birken dieselbe Wirkung haben wie die in Japan verbreiteten Pinien, Zedern und Lärchen.

Unbestritten ist jedoch auch bei uns, dass ein Spaziergang im Wald auf jeden Fall guttut. Der typische Waldgeruch, der sich aus Terpenen, den ätherischen Ölen, die den Bäumen als Botenstoffe dienen, der feuchten Erde und der vermodernden Vegetation zusammensetzt, ist bei den meisten von uns mit angenehmen Kindheitserinnerungen verbunden und mit der Natur assoziiert. Genau das, so meinen die japanischen Forscher, Südkorea und Finnland ziehen übrigens nach, ist der Schlüssel: Wir spüren den gesundheitlichen Nutzen mit allen Sinnen, sowie wir einen Wald betreten. Das Mikroklima hat einen Effekt und lässt Menschen im grünen Umfeld schneller gesund werden. Der Wald wirkt entschleunigend, die frische, kühle Luft stärkt und vitalisiert.

Die heilende Wirkung einer grünen Sicht

Und nicht nur das! Roger Ulrich, Leiter des interdisziplinären Center for Health Systems and Designs/ Texas, führt seit Jahren Studien zur Wirkung von Natur auf das psychische und physische Wohlbefinden des Menschen durch. Schon vor 35 Jahren stellte er die heilende Wirkung einer „Sicht ins Grüne” in einem amerikanischen Krankenhaus fest (4). Diejenigen Patienten, die vom Krankenbett aus ins Grüne statt auf eine Mauer blickten, wurden durchschnittlich einen Tag eher entlassen, benötigten weniger Schmerzmittel, hatten weniger Komplikationen und litten psychisch weniger stark. In einer Folgestudie in einem schwedischen Krankenhaus zeigte Roger Ulrich, dass bereits die Bilder an der Wand die Heilung beeinflussen: Schauen Patienten auf ein Naturbild, das ein licht bewaldetes Flussufer zeigt, benötigen sie weniger Medikamente als diejenigen, die 
auf abstrakte Malerei blicken oder kein Bild an der Wand hängen haben.

Warum also dieses Potential ungenutzt lassen?

Was gibt es Schöneres als einen Herbstspaziergang.

Integrieren Sie Natur in Ihr Leben.

Eine schwedische Studie, für die 290 ältere Frauen und Männer nach ihren sommerlichen Gartenbesuchen befragt wurden, zeigte, dass die Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit besser ausfällt, wenn sich diese Menschen im Garten aufgehalten hatten (5). Sie fühlten sich im Garten „wie einmal weg”, die Natur lenkte sie ab – auch von ihren Beschwerden und Schmerzen.

Mehr Bewegung, weniger Schmerz

Und dass aerobes Training* eine akute Stimmungsverbesserung sowie eine Verringerung der Schmerzwahrnehmung bewirken kann, belegte eine andere Studie, die bereits 2007 veröffentlicht wurde (6). Die Schmerztoleranz verbessert sich danach durch aeroben Sport bei Patienten mit akuten als auch chronischen muskuloskelettalen Schmerzen und steigert deren Lebensqualität deutlich.

Bewegung (Ausdauersport) in der Natur ist also eine unschlagbare Kombination, da die gesundheitlichen Vorteile größer kaum sein könnten.

Fazit

Wer die Naturreize auf sich wirken lässt, beschäftigt den Geist auf angenehme Weise und fördert damit seine mentale Gesundheit, während gleichzeitig der Körper besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt wird und auch Entzündungsstoffe leichter abtransportiert werden.

Im Wald gibt es kein WLAN, aber die Verbindung ist dort viel besser.

Für einen  Waldspaziergang bedarf es keiner Vorbereitung. Einzig gutes Schuhwerk und schon kann es losgehen. Bereits nach weniger als einer halben Stunde zeigt er seine Wirkung: Alltagssorgen und Stress haben sich reduziert. Wir fühlen uns erfrischter, erholter und tatkräftiger.

Und für all diejenigen, die meinen, tagsüber keine Zeit zu haben: Nach einem abendlichen Waldbad schlafen Menschen mit Schlafstörungen tiefer und länger.


* Aerob bedeutet mit Sauerstoff und anaerob ist genau das Gegenteil davon, ohne Sauerstoff. Der Körper ist bei einem aeroben Training in der Lage, die notwendige Energie für die Beanspruchung größtenteils durch den eingeatmeten Sauerstoff bereitzustellen. Das führt zu einer Steigerung der Ausdauer, ohne an die körperliche Belastungsgrenze zu gehen.


Quellen:

(1) The health benefits of the great outdoors: A systematic review and meta-analysis of greenspace exposure and health outcomes, epub. 2018/07/05
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29982151/

(2) Shinrin-Yoku (Forest Bathing) and Nature Therapy: A State-of-the-Art Review  (Int J Environ Res Public Health. 2017 Aug; 14(8): 851.)
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5580555/

(3) Effect of forest bathing trips on human immune function. Qing Li (Environ Health Prev Med. 2010 Jan; 15(1): 9–17.)
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2793341/

(4) Human Responses to Vegetation and Landscapes. Roger Ulrich, 1986 Dec. https://www.researchgate.net/publication/222935223_Human_Responses_to_Vegetation_and_Landscapes

(5) Gardening is beneficial for health: A meta-analysis. Prev Med Rep. 2017 Mar.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5153451/#bb0100

(6) Does aerobic exercise improve pain perception and mood? A review of the evidence related to healthy and chronic pain subjects. Martin D. Hoffman MD & Debi Rufi Hoffman MA. epub. 2007/04/13 https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs11916-007-0004-z

Autor: Carina Mallwitz

Redaktion Rückhalt I Der Blog vom Rückenzentrum

Ein Gedanke zu „Wann waren Sie zuletzt Waldbaden?“

  1. Danke für diesen tollen Beitrag. Ich habe die Natur und vor allem Bäume und Wald auch sehr schätzen gelernt. Auch wenn es nicht immer gleich ein Wald sein kann, dann wenigstens ein Park oder gar eine Allee mit großen Bäumen. Die Energie tankt sich sofort. Das Bäume umarmen allerdings habe ich noch nicht gemacht. Spielt es eine Rolle was für Bäume das sind?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.