Knie im Fokus: Patellofemorales Schmerzsyndrom

Das patellofemorale Schmerzsyndrom (PFSS) ist ein Oberbegriff für Schmerzen unter oder rund um die Kniescheibe (Patella).

Vor allem Aktivitäten, bei denen der Körper in gewichtstragenden Positionen belastet wird, machen Schwierigkeiten, z. B. Treppensteigen (1).

Patienten mit PFSS haben oftmals muskuläre Schwächen oder Dysbalancen. Auch spielt das sogenannte „Alignment“ eine Rolle, also wie die Patella auf dem eigentlichen Kniegelenk  positioniert ist, auch in Relation zum Hüftgelenk (1). Nicht ausschließlich aber oft sind junge, sportliche Menschen betroffen, Frauen häufiger als Männer.

Patellofemorale Schmerzen sind ein weit verbreitetes Problem. So stellten Forscher aus Großbritannien in einer systematischen Literaturübersichtsarbeit fest, dass die jährliche Prävalenz (Zahl der Krankheitsfälle) in der Allgemeinbevölkerung rund 23 Prozent und bei Jugendlichen rund 29 Prozent betrug (2).

Ursachen für Patellofemorale Schmerzen

Unter dem Begriff PFSS werden oftmals verschiedene Erkrankungen im Kniebereich subsummiert, unter anderem die Retropatellaarthrose (Arthrose auf der Rückseite der Kniescheibe) oder eine sogenannte Patelladysplasie; dies bedeutet, dass das knöcherne Gleitlager nicht optimal ausgeprägt ist. Dieses Gleitlager wird durch den unteren Abschnitt des Oberschenkelknochens gebildet, in ihm kann sich die Patella während der Streck- und Beugebewegungen des Knies etwas hoch- und runterbewegen. Somit hat die Patella mehr Spielraum und kann auch (sub-)luxieren, also ihre natürliche Position verlassen („ausrenken“). Betroffene können mithilfe von Physiotherapie und Training ihre knieumgebende Muskulatur aufbauen und so für mehr Stabilität und eine bessere muskuläre Führung sorgen.

Hier wird insbesondere der innen liegende Anteil des großen Oberschenkelmuskels (M. quadriceps femoris) genannt, der sogenannte M. vastus medialis. Dieser kann eine zu weit außen befindliche, sogenannte „lateralisierte“ Kniescheibe wieder zentrieren. Ist der Therapieerfolg nach konsequenter konservativer Therapie über mehrere Monate nicht gegeben, kann im Einzelfall über eine operative Stabilisation nachgedacht werden (3).

Was gehört zur Therapie?

Menschen mit patellofemoralen Schmerzen können unter anderem durch

Beispiel für eine Dehnübung
  • gerätegestützte Kräftigung der Muskulatur,
  • sensomotorisches Training und
  • Dehnen verkürzter Strukturen (zum Beispiel vordere und seitliche Oberschenkelmuskulatur)

gute Therapieergebnisse erreichen.

Auch eine Überprüfung und ggf. Anpassung des Trainings kann sinnvoll sein, insbesondere bei Menschen, die bereits viel Sport betreiben. Manuelle Therapie kann einen kurzfristigen schmerzlindernden Effekt haben (4) und daher als Ergänzung zum körperlichen Training angewendet werden. Über die Wirksamkeit von Orthesen besteht kein wissenschaftlicher Konsens (5).

Ein Knie ist ein Knie … aber auch eine Hüfte, ein Fuß und ein Rumpf

Häufig werden Ursachen für Kniebeschwerden ausschließlich im Gelenk selbst gesucht, in vielen Fällen sind aber die umgebenen Muskeln und Bänder Ursache für die Beschwerden.

So spielen in der Therapie auch die an das Knie angrenzenden Gelenke eine Rolle. Zum Beispiel kann die Fußstatik relevant sein, etwa bei bestehendem Knick-Senkfuß. Außerdem ist die Kraft der Hüftmuskeln von großer Bedeutung (1); sind diese zu schwach, begünstigt dies eine unphysiologische Valgus-Stellung, das bedeutet, das Bein weicht in eine X-Beinstellung aus. Besonders deutlich ist dies „in der Funktion“ zu beobachten, das heißt, wenn sich der Betroffene in einer gewichtstragenden Ausgangsstellung befindet, beispielsweise im Einbeinstand. In der Folge wird auch das Knie nicht optimal belastet. Von diesem Phänomen sind Frauen häufiger betroffen als Männer (6).

Ein Literaturreview aus dem Jahr 2018 zeigte, dass eine kombinierte Kräftigung sowohl der knie- als auch der hüftumgebenden Muskulatur einen besseren Effekt hatte (weniger Schmerzen, bessere Funktion) als ein alleiniges Training der Kniemuskulatur (7). Auch ist es wichtig, die Kraft der Rumpfmuskulatur zu beurteilen und ggf. mit ins Training einfließen zu lassen (8-10).

Fazit

Das A und O zur Vorbeugung, aber auch zur Behandlung bereits vorhandener Kniescheibenschmerzen, ist ein gezieltes Training, das die gesamte Bein- als auch die hüft- und knieumgebende Muskulatur mit einbezieht und in eine Balance bringt, um so Verschleiß und Fehlstellungen zu verhindern.


Literatur

1) Santos TR, Oliveira BA, Ocarino JM, Holt KG, Fonseca ST. 2015. Effectiveness of hip muscle strengthening in patellofemoral pain syndrome patients: a systematic review. Braz. J. Phys. Ther, 19, 3:167-76
2) Smith BE, Selfe J, Thacker D, Hendrick P, Bateman M, et al. 2018. Incidence and prevalence of patellofemoral pain: A systematic review and meta-analysis. PLoS One. 13, 1:e0190892
3) Stukenborg−Colsman C, Wirth CJ. 2008. Patellofemorale Schmerzen. Orthopädie und Unfallchirurgie, up2date 3, 277-88
4) Eckenrode BJ, Kietrys DM, Parrott JS. 2018. Effectiveness of Manual Therapy for Pain and Self-reported Function in Individuals With Patellofemoral Pain: Systematic Review and Meta-analysis.
J. Orthop. Sports Phys. Ther. 48, 5:358-71
5) Smith TO, Drew BT, Meek TH, Clark AB. 2015. Knee orthoses for treating patellofemoral pain syndrome. Cochrane Database Syst. Rev. Dec 8;(12):CD010513
6) Cronström A, Creaby MW, Nae J, Ageberg E. 2016. Gender differences in knee abduction during weight-bearing activities: A systematic review and meta-analysis. Gait Posture. 49:315-28
7) Nascimento LR, Teixeira-Salmela LF, Souza RB, Resende RA. 2018. Hip and Knee Strengthening Is More Effective Than Knee Strengthening Alone for Reducing Pain and Improving Activity in Individuals With Patellofemoral Pain: A Systematic Review With Meta-analysis. J. Orthop. Sports Phys. Ther. 48, 1:19-31
8) Chevidikunnan MF, Al Saif A, Gaowgzeh RA, Mamdouh KA. 2016. Effectiveness of core muscle strengthening for improving pain and dynamic balance among female patients with patellofemoral pain syndrome. J. Phys. Ther Sci. 28, 5:1518-23
9) Foroughi F, Sobhani S, Yoosefinejad AK, Motealleh A. 2019. Added Value of Isolated Core Postural Control Training on Knee Pain and Function in Women With Patellofemoral Pain Syndrome: A Randomized Controlled Trial. Arch. Phys. Med. Rehabil. 100, 2:220-9
10) Earl-Boehm JE, Bolgla LA, Emory C, Hamstra-Wright KL, Tarima S, et al. 2018. Treatment Success of Hip and Core or Knee Strengthening for Patellofemoral Pain: Development of Clinical Prediction Rules. J. Athl. Train. 53, 6:545-52

Autor: Anna Palisi

Die Physiotherapeutin Anna Palisi verfügt über 11 Jahre Berufserfahrung und arbeitet seit 2017 im Rückenzentrum Am Michel. Aktuell lässt sie sich zur CRAFTA-Therapeutin (Cranio Facial Therapy Academy) ausbilden.

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