Ein Leben ohne Schmerzen. Gibt es das?

Das Ziel schmerzfrei zu sein, ist zweifellos ein gut nachvollziehbares. Ist es aber auch alternativlos und die unbedingte Voraussetzung für ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben?
Ein Plädoyer für ein gutes Leben mit „ein bisschen“ Schmerz sowie eine Formel als Hilfsmittel für klare Ziele.

„Was ist Ihr Ziel in der physiotherapeutischen Behandlung?“
„Na, Schmerzfreiheit natürlich!“

Die überwältigende Mehrheit der Patienten, die sich in der Orthopädie und der Physiotherapie vorstellt, wünscht sich ein vollkommen schmerzfreies Leben!?
Zumindest ist „Schmerzfreiheit“ das gefühlt am häufigsten genannte Therapieziel von Patienten mit muskuloskelettalen Beschwerden, wie Rücken-, Nacken-, Knie- und Hüftschmerzen.

Aber ist Schmerzfreiheit die Voraussetzung dafür, dass Sie Ihren Alltag aktiv und nach Ihren Vorstellungen gestalten können?

Werfen wir dafür zunächst einen kurzen Blick auf die Unterscheidung von akuten und anhaltenden (chronischen) Schmerzen.

Akute Schmerzen | Chronische Schmerzen

Stellen wir uns einen Patienten mit akuten Rückenschmerzen vor, vielleicht sogar mit einem frischen Bandscheibenvorfall mit lokaler Entzündung und ausstrahlenden Schmerzen im Bein. Dieser Schmerz ist sinnvoll und normal, schließlich soll das verletzte Gewebe heilen. Während der Heilungsphase nehmen die Beschwerden dann normalerweise zunehmend ab.

Derselbe Patient, vier Monate später. Der Rücken tut immer noch weh. Wie kann das sein? Der Mensch hat sich nicht recht getraut, die normale Belastung allmählich wieder aufzunehmen, berufliche und private Termine abgesagt, sich zurückgezogen. Seine Schmerzen sind chronisch geworden.

Schmerzen bezeichnet man ab drei bis sechs Monaten Dauer als chronisch oder anhaltend.
Was aber passiert, wenn Schmerzen bleiben?

Es kommt unter anderem zu einer erhöhten Sensibilisierung des Nervensystems, die Schmerzschwelle sinkt, es tut schneller weh (1). Dadurch entsteht ein Teufelskreis aus Inaktivität, Angst vor Wiederverletzung, sinkender Belastbarkeit und Schmerz. Die Behandlung bei chronischen Beschwerden ist langwierig.

Was uns zurück zu den Therapiezielen führt.

Denn um zu erkennen, dass es Ihnen besser geht, müssen Sie sich klare Ziele setzen. Bei unspezifischen Therapiezielen hingegen sind die Enttäuschung des Patienten und der Frust des Therapeuten praktisch vorprogrammiert. Daher ist es so wichtig, zu definieren, worüber man spricht.
Geeignet sind Ziele, die sich auf Aktivitäten oder die Teilhabe am beruflichen und sozialen Leben beziehen. Dies empfiehlt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit den ICF-Kriterien (Internationale Klassifikation  der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) (2).
Fragen Sie sich, was Sie wieder machen könnten, wenn es Ihnen besser ginge. Zum Beispiel: „Wenn ich länger gehen könnte, dann würde ich den lang ersehnten Städtetrip nach Rom machen“. Oder: „Mein Ziel ist es, länger sitzen zu können, damit ich mit meinem Mann das tolle neue Restaurant ausprobieren kann.“

Formulieren Sie Ihre Ziele positiv. Stellen Sie sich vor, wie gut Sie sich fühlen werden, wenn Sie ihre Ziele erreicht haben. Das hilft Ihnen dabei, auch in schwierigen Zeiten am Ball zu bleiben.
SMARTe Ziele formulieren

Ein Instrument zur Formulierung von Zielen, das sich bewährt hat und Ihnen helfen kann, heißt SMART (3). Die Buchstaben dieses Akronyms stehen für:


S
= spezifisch/selbstbezogen, persönlich bedeutsam

M = messbar

A = aktionsorientiert/ attraktiv

R = realistisch

T = terminiert

  • Ihr Ziel muss für Sie persönlich wichtig sein, egal, ob andere es auch wichtig finden. Es sollte sich auf die Teilhabe am Leben beziehen, also auf die Arbeit, Familie oder das gesellschaftliche Leben. Aus der Zielformulierung soll klar hervor gehen, dass Sie derjenige sind, der die Zügel in der Hand hält, niemand sonst. Zum Beispiel: „Ich verbessere meine körperliche Fitness, damit ich im Sommer einen Wanderurlaub machen kann.
  • Ihr Ziel muss messbar sein, zum Beispiel die Strecke, die Sie gehen können. Oder die Schmerzintensität auf einer zehnstufigen Skala, zum Beispiel eine Verbesserung von sechs auf vier. Mit wieviel Schmerz könnten Sie leben?
  • Ziele sollen aktionsorientiert sein: Was werden Sie konkret tun, um ihr Ziel zu erreichen? Zum Beispiel: „Ich mache in den nächsten drei Monaten konsequent dreimal wöchentlich für 20 Minuten meine Gymnastikübungen.
  • Ihr Ziel soll realistisch sein. Sowohl zu leichte als auch zu schwere Ziele könnten Sie demotivieren.
Wahrscheinlich werden Sie in nächster Zukunft keinen Halbmarathon laufen, wenn Sie schon seit zwei Jahren aufgrund Ihrer Beschwerden nicht mehr in Ihre Joggingschuhe gestiegen sind (5).

Zum Beispiel: Sie haben seit vielen Jahren Rückenschmerzen, mal mehr, mal weniger, sind diagnostisch von ärztlicher Seite umfassend untersucht und abgeklärt und haben schon zahlreiche unterschiedliche Therapieverfahren ausprobiert?
Dann fragen Sie sich selber: Halten Sie es für realistisch, dass Sie mit sechs bis zehn Einheiten Physiotherapie schmerzfrei werden?
Wahrscheinlich nicht. Ihr Therapeut als Bewegungsexperte kann Ihnen aber dabei helfen, realistische Ziele zu formulieren und diese im Verlauf anzupassen, wenn sich Ihre Zielvorstellungen ändern.

  • Ihr Ziel soll terminiert sein, das heißt, es ist klar, in welchem Zeitraum Sie Ihr Ziel erreichen möchten. Nur so ist der Therapieerfolg messbar.
SMARTe Ziele setzen

Nutzen Sie diese sehr einfache Formel und prüfen Sie damit, ob Ihre Ziele die genannten Kriterien erfüllen. Sind diese erfüllt – prima! Dann haben Sie eine gute Basis für eine Verbesserung Ihrer Gesundheit geschaffen.

Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.
(Lao-tse, Chinesischer Philosoph)

Erfolgskontrolle

Ihr Physiotherapeut wird Ihnen in vielen Fällen Fragebogen aushändigen, um Ihre individuelle Situation umfassend zu verstehen und Ihnen bestmöglich helfen zu können. Diese Fragebogen werden auch gerne als Erfolgskontrolle verwendet, das heißt, Sie füllen zu Therapiebeginn und zum Ende der Behandlungsserie denselben Fragebogen aus, um den Verlauf der Beschwerden sichtbar zu machen. Seien Sie offen dafür, es spricht für ein wissenschaftlich fundiertes, verantwortungsbewusstes Handeln Ihres Therapeuten, auch wenn es mit etwas Aufwand für Sie verbunden ist.

Gesundheit als komplexes Geschehen

Vergessen Sie auch nicht, dass in der Therapie von Beschwerden, Einschränkungen und Schmerzen viele verschiedene Aspekte eine Rolle spielen: Neben körperlicher Bewegung ist auch häufig eine individuelle Schmerzmedikation mit verschiedenen Wirkstoffgruppen (4), Faktoren wie Schlaf, Ernährung, Entspannung, Auftanken durch Hobbies etc. essentiell wichtig.

Die Verantwortung für sich und Ihre Gesundheit haben Sie jedoch allein. Therapeuten können Sie auf dem Weg zu einem besseren Leben begleiten, gehen aber müssen Sie Ihren Weg selbst, vielleicht mit „ein bisschen Schmerz“, aber immer auch mit dem guten Gefühl, persönlich für Ihre Gesundheit aktiv geworden zu sein.

Warten Sie nicht auf Veränderungen, sondern werden Sie selbst aktiv.


Literatur

1) Butler D, Moseley L. 2016. Schmerzen verstehen. Berlin Heidelberg: Springer Verlag.
2) Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. ICF-Kriterien. https://www.dimdi.de/dynamic/de/klassifikationen/icf/
(Zugriff am 3.6.2020)
3) Dibbelt S, Dudeck A, Glattacker M, Greitemann B, Jäckel W, et al. Partizipative Zielvereinbarung mit PatientInnen in der Rehabilitation – Manual für Ärzte, Therapeuten & Pflegende.
https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/08_institute/qm-sozmed/Abgeschlossene_Projekte/ParZivar/ManualParZivar.pdf
(Zugriff am 3.6.2020)
4) Nobis HG, Rolke R, Graf-Baumann T. 2016. Schmerz – eine Herausforderung: Informationen für Betroffene und Angehörige – Offizielle Informationsschrift mehrerer Schmerzgesellschaften. Berlin Heidelberg: Springer Verlag.


5) Wer Tipps zur Verbesserung seiner Ausdauer benötigt, dem empfehlen wir unseren Blogbeitrag: Ausdauer verbessern – gewusst wie! https://ruecken-zentrum.de/blog/2019/02/11/alle/ausdauer-verbessern-erstmal-testen/

Autor: Anna Palisi

Die Physiotherapeutin Anna Palisi verfügt über 11 Jahre Berufserfahrung und arbeitet seit 2017 im Rückenzentrum Am Michel. Aktuell lässt sie sich zur CRAFTA-Therapeutin (Cranio Facial Therapy Academy) ausbilden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.