Kleine Muskeln, große Wirkung

Das Konzept der segmentalen Stabilisation im Bereich der Lendenwirbelsäule.

Kreuzschmerzen: schmerzfrei durch Kraft? Jein. Denn für die optimale Funktion des Rückens im Alltag ist nicht allein die grobe Kraft großer Muskelgruppen entscheidend. Neben vielen anderen Faktoren wirken sich auch unscheinbare, kleine Muskeln in der Tiefe des Körpers positiv auf unser Wohlbefinden aus.

Oberflächliche und tiefe Muskeln

Neben den großen Muskeln, zum Beispiel den „Muskelpaketen“ links und rechts der Wirbelsäule oder dem allgemein bekannten „Sixpack“, dem geraden Bauchmuskel, sind auch die tiefliegenden Rumpfmuskeln von Bedeutung. Diese stützen als tiefste Muskelschicht die Wirbelsäule ab, vergleichbar mit einem inneren Muskelkorsett. Dabei handelt es sich im Bereich der Lendenwirbelsäule um folgende Muskeln: Musculus transversus abdominis (tiefster Bauchmuskel), Musculi multifidii (kleine Muskeln, die einzelne Wirbelkörper miteinander verknüpfen), das Zwerchfell (trennt Brust- vom Bauchraum) und die Beckenbodenmuskulatur (schließt das Becken nach unten hin ab).

Während die großen Muskeln vor allem die Bewegung des Körpers oder Körperabschnitte im Raum ermöglichen, können die tiefen stabilisierenden Muskeln von außen betrachtet keine sichtbare Bewegung erzeugen. Dennoch sind sie wichtig für einen funktionstüchtigen Rücken.
Forscher gehen davon aus, dass bei Patienten mit Rückenschmerzen diese Muskulatur zeitverzögert aktiv wird, das Timing sozusagen nicht stimmt.

Wie können Menschen mit Rückenschmerzen nun aber lernen, die tiefe Muskulatur wahrzunehmen und gezielt anzusteuern?

Hier bietet das Konzept der segmentalen Stabilisation eine gute Möglichkeit. Es war und ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Studien und wurde von australischen Wissenschaftlern um Carolyn Richardson entwickelt (1). Die segmentale Stabilisation hat das Ziel, die tiefliegende, wirbelsäulennahe Muskulatur durch bewusste Aktivierung wieder harmonisch in Alltagsbewegungen zu integrieren, die Funktion des Rückens zu verbessern und Beschwerden zu lindern.

Die segmentale Stabilisation

In der Therapie wird zunächst die isolierte Aktivierung der Tiefenmuskulatur geschult, ohne Mitarbeit der großen Muskelgruppen im Bereich der Bauch- und Rückenmuskulatur. Das ist gar nicht so einfach, denn spontan spannt jeder erst einmal die großen, oberflächlichen Muskeln an.
Ein Physiotherapeut leitet Sie daher detailliert mithilfe von Vorstellungsbildern an, indem er Sie beispielsweise, während Sie auf dem Rücken liegen, auffordert, den Bauchnabel ganz leicht in Richtung der Wirbelsäule zu ziehen. Oder zum Erlernen der Aktivierung der tiefliegenden Rückenmuskulatur kann die Vorstellung, auf einer bestimmten Höhe der Lendenwirbelsäule das Hohlkreuz minimal zu verstärken, sinnvoll sein. Dabei befinden Sie sich in Bauchlage. Während Sie jeweils die tiefen Muskeln anspannen, soll äußerlich keine Aktivität der oberflächlichen Muskeln sichtbar sein und die Atmung trotz der Anspannung ruhig weiter fließen.

Segmentale Stabilisation: Üben am Ultraschall.
Segmentale Stabilisation: Üben am Ultraschall.

Für die Darstellung der tiefen Bauchmuskulatur nutzen wir im Rückenzentrum Am Michel zusätzlich ein Ultraschallgerät. Das ermöglicht Ihnen, Ihre Bauchmuskeln auf dem Monitor zu sehen und deren Aktivität mitzuverfolgen. So bekommen Sie ein Gefühl für die richtige Dosierung der Kraft und die adäquate Ausführung.

Sehen Sie sich dazu auch unser Video Die Ansteuerung der tiefliegenden Muskulatur per Ultraschall  an.
Segmentale Stabilisation: Üben mit der Blutdruckmanschette.
Segmentale Stabilisation: Üben mit der Blutdruckmanschette.

Ebenfalls hat sich der Einsatz einer sogenannten Pressure-Biofeedback-Unit bewährt, um die Stabilisationsfähigkeit der Lendenwirbelsäule zu überprüfen. Hierbei handelt es sich um eine Blutdruckmanschette, die während der Übungstherapie unter der Lendenwirbelsäule platziert wird. So können Sie die Bewegungen Ihrer Wirbelsäule anhand von Druckveränderungen kontrollieren.

Übrigens! Das Training der segmentalen Stabilisation kann analog auch auf die tiefliegende Muskulatur im Bereich der Halswirbelsäule übertragen werden, je nachdem, wo Sie Ihre Beschwerden haben. Wir werden uns mit dieser Muskelgruppe in einem der kommenden Beiträge noch näher beschäftigen. 

Wenn Ihnen die Ansteuerung der tiefen Muskulatur gelingt, dann lernen Sie diese Muskelaktivierung auf funktionelle Bewegungsabläufe zu übertragen, zum Beispiel bei Gymnastikübungen, gerätegestütztem Krafttraining oder auch während berufs- oder freizeitspezifischen Aktivitäten, die für Sie persönlich wichtig sind.

Wie so oft im Leben gibt es viele Wege zum Ziel.

So ist auch die segmentale Stabilisation nicht der einzig mögliche Weg in der Therapie. Eine Literaturübersichtsarbeit von 2016 (2) zeigte, dass sowohl die segmentale Stabilisation als auch andere aktive Übungsbehandlungen, wie zum Beispiel allgemeine gymnastische Übungen, Rückenschmerzen lindern und die Funktion verbessern.

Im Rückenzentrum Am Michel entscheiden Patienten und Therapeuten gemeinsam, wie der optimale, individuelle Therapieweg aussehen sollte.

Jetzt wissen Sie theoretisch schon eine ganze Menge über die segmentale Stabilisation  –  Zeit für Sie, aktiv zu werden.

Nachfolgend stellen wir Ihnen Übungen vor, die Sie leicht zuhause umsetzen können.

Wahrnehmungsübungen für die tiefe Muskulatur

LWS Übungsprogramm sowie Kräftigung und Dehnung


Literatur:

1) Hamel M, Heinrich M, Niemier K, Marnitz U. 2018. Rückenschmerzen therapieren – Von der multimodalen Idee zur interdisziplinären Lösung. Berlin: de Gruyter

2) Saragiotto BT, Maher CG, Yamato TP, Costa LOP, Menezes Costa LC, et al. 2016. Motor control exercise for chronic non-specific low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 1S

Autor: Anna Palisi

Die Physiotherapeutin Anna Palisi verfügt über 11 Jahre Berufserfahrung und arbeitet seit 2017 im Rückenzentrum Am Michel. Aktuell lässt sie sich zur CRAFTA-Therapeutin (Cranio Facial Therapy Academy) ausbilden.

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