Schmerz – Ausdruck der Verbindung zwischen Körper und psychischem Erleben

„Mein Rücken tut weh. Ich hab’s doch nicht im Kopf!“ Diesen Ausspruch hören Psychotherapeuten häufig von Patienten mit langanhaltenden Rückenschmerzen. Doch tragen gerade bei chronischen Schmerzen viele Faktoren zur Erkrankung bei. Dass Körper und Seele beim Schmerz untrennbar miteinander verbunden sind, wird in diesem Beitrag sehr anschaulich aufgezeigt. Ebenso erfahren Sie, welche Maßnahmen eine Veränderung einleiten.

Schmerz ist eine zentrale Erfahrung, auf die wir immer reagieren.
Wir fragen nach der Ursache, suchen eine Erklärung und wollen, dass er wieder verschwindet.

SCHMERZ IST VON BEGINN AN EINE PSYCHO-PHYSISCHE* ERFAHRUNG

Wie wir mit dem Schmerz umgehen, wie wir ihn einschätzen, hängt von unseren bisherigen Erfahrungen, aber auch vom Ausmaß an Kontrolle ab, das wir uns zuschreiben.
Schmerz ist aber immer auch eine emotionale Erfahrung.
Wir haben Angst, sind wütend oder gereizt, niedergeschlagen oder verzweifelt. Aus Patientensicht sind Verunsicherung, Angst und Verzweiflung, aber auch Ärger und Hilflosigkeit abhängig von der Schmerzintensität. Doch meist fehlt ein wechselseitiges Verständnis für diese gegenseitige Beeinflussung.
Je mehr Angst wir haben, desto beeinträchtigender, aber auch intensiver nehmen wir Schmerzen wahr. Unsere emotionale Reaktion auf den Schmerz ist unmittelbarer Ausdruck davon, wie wir die Ursache des Schmerzes einschätzen, für wie kontrollierbar wir den Schmerz halten und was der Schmerz für uns bedeutet.

Akuter Schmerz – chronischer Schmerz

Wenn sich die Schmerzen zeitnah mindern und verschwinden, kehren Kontrollerleben und Vertrauen in den Körper wieder zurück. Problematisch wird es, wenn der Schmerz nicht innerhalb von Tagen oder wenigen Wochen abklingt. Hilflosigkeit, Verunsicherung, Frustration, Enttäuschung und Angst nehmen zu. Es wird für die Betroffenen schwieriger, den Alltag zu bewältigen. Spätestens dann greift ein rein somatisches (körperliches) Krankheitskonzept zu kurz und erfordert eine Erweiterung um den biopsychosozialen Kontext (Einflussfaktoren aus dem Umfeld, wie Familie, Arbeit, … ) des Schmerzgeschehens.

…Keiner konnte mir bislang sagen, woher die Schmerzen kommen. Das muss doch eine Ursache haben… Mein Rücken tut weh, ich hab’s doch nicht im Kopf…

Das sind typische Äußerungen von Patienten. Sie verweisen zum einen auf ein bei vielen von uns vorherrschendes Krankheitskonzept eines direkten Zusammenhanges zwischen Ursache und Wirkung, zum anderen aber auch auf eine strenge Trennung in entweder psychisch oder somatisch. Diese Patientensicht muss in der Behandlung Berücksichtigung finden, denn die Annahme einer klaren Ursache verbindet der Patient mit der Erwartung, dass diese Ursache behoben werden kann und Schmerzfreiheit das Ziel ist. Selten gibt es jedoch die eine Ursache, vor allem chronische Schmerzen haben viele Einflussfaktoren.

Falsche Vorstellungen der Betroffenen

Häufig haben Patienten vereinfachte Erklärungskonzepte, z.B. Ich habe eine falsche Bewegung gemacht Diese Erklärungskonzepte sind mit dem dann entsprechenden Vermeidungsverhalten dieser Bewegung verbunden.

Was kurzfristig als schlüssig und sinnvoll erscheint, trägt über das entsprechende Schonverhalten langfristig zur Aufrechterhaltung des Problems bei.

Individuell zu erarbeiten, dass es nicht die eine (!) falsche Bewegung ist, sondern dass die Muskulatur in diesem Moment möglicherweise eine Schwachstelle nicht kompensieren konnte und darüber hinaus durch vieles Sitzen und wenig Bewegung auch nicht gut trainiert ist, ermöglicht es, das Schonverhalten infrage zu stellen und den Weg für ein aktives Behandlungskonzept freizumachen. Dies kann zu weiteren Fragen führen, etwa zu der, was denn dazu beigetragen hat, dass der Alltag zu wenig Bewegung beinhaltet? Schrittweise wird das Krankheitsmodell um plausible Auslöser/Ursachen erweitert.

…Vor Beginn der Schmerzen war alles in Ordnung, es gab keine Probleme… Alles soll wieder werden wie vorher…

Es braucht einen differenzierten Blick, aber auch eine Akzeptanz von möglicherweise bereits lange im Vorfeld beginnendem Überforderungserleben (z.B. Leistungsdruck auf der Arbeit), aber auch „beiseitegeschobener“ Verlusterfahrungen (u.a. Trennung, Todesfall, Umzug). Die Ausweitung des Krankheitskonzeptes um die Arbeitssituation und die private Lebenssituation, innerhalb derer das Schmerzerleben begann und unter deren Bedingungen auch die Genesung geschieht, bietet Patienten und Behandler die Chance, ein vertieftes Verständnis für das Schmerzgeschehen zu bekommen und Möglichkeiten einer Veränderung abzuleiten. Die Behandlung verändert sich dann in Richtung Begleitung und Unterstützung zur Selbsthilfe.

Belastungsfaktor Arbeitsplatz

Mein Chef kann mich nur brauchen, wenn ich zu 100% funktioniere…

Schmerzen sind in der Regel mit einer reduzierten körperlichen, oft aber auch mit einer reduzierten mentalen Leistungsfähigkeit (u. a. geminderter Konzentration) verknüpft. Wenn Schmerzfreiheit als Voraussetzung für die Rückkehr an den Arbeitsplatz gilt, kommt es zu einer Fokussierung auf das Schmerzgeschehen. Gleichzeitig macht die Erwartung, 100% funktionieren zu müssen, vielen Patienten Angst, sind sie doch hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit je nach Länge der Arbeitsunfähigkeit unsicherer geworden. Ziel der Behandlung ist deshalb die Erfahrung, trotz Schmerz bzw. auch bei Schmerz, leistungsfähig und belastbar zu sein.

Nicht wenige Patienten haben trotz Schmerzen lange durchgehalten ohne sich krankschreiben zu lassen, aus Sorge um ihren Arbeitsplatz oder um die Kollegen nicht im Stich zu lassen. Zusätzlich zum Schmerz kommt dann ausgeprägte Erschöpfung hinzu.

In der psychologischen Behandlung geht es daher insbesondere auch darum, negative Einstellungen und Überzeugungen zu hinterfragen. Perfektionistische Erwartungen an sich selbst, Sorge um Verlust von Anerkennung, Vergleich mit anderen u. v. m. können einen Umgang mit den eigenen Belastungsgrenzen, Selbstfürsorge, aber auch den Umgang mit Konfliktsituationen erschweren und damit das Anspannungserleben erhöhen. Die therapeutische Bearbeitung nachteiliger Denk- und Verhaltensmuster sind deshalb zentrale Ansatzpunkte, um eine gesunde Ressourceneinteilung und damit auch die Weiterführung von Sport und Entspannungstechniken wahrscheinlicher zu machen.

Fazit

Schmerzen sind im Akutfall ein Warnsignal für eine möglicherweise eintretende oder schon eingetretene Gewebeschädigung.
Chronische Schmerzen hingegen haben ihre Warnfunktion verloren, durch ihr permanentes Vorhandensein erfordern sie eine Neuorientierung, ein „weiter wie bisher“ wird unmöglich. Voraussetzung für die Neuorientierung ist die Akzeptanz der Schmerzsituation und die Entwicklung von Verhaltensstrategien, die den Fokus auf die eigene Lebensqualität legen. Dann lassen sich die schmerzbedingten Einschränkungen besser kompensieren. Auch die Schmerzbehandlung sollte deshalb das Wechselspiel und die enge Verbindung von Körper und Seele berücksichtigen. Psychotherapeutische Maßnahmen sollten eng verzahnt mit einem rehabilitationsorientierten körperlichen Training im Fall chronischer Schmerzen sein. Bei allen Schmerzen sollten unmittelbare schmerzbezogene Ängste und Sorgen erfragt werden und in die Behandlung mit einfließen.


* (Seele und Körper betreffend)

Autor: Dr. Marion Heinrich

Dr. Marion Heinrich Psychologische Psychotherapeutin Verhaltenstherapie, spez. Schmerzpsychotherapie (DGSS)

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