Resilienz – Die Bedeutung der psychischen Widerstandsfähigkeit

Dieser Artikel gibt einen ersten Einblick in jene Mechanismen, die uns dabei helfen, mit Krisen und Belastungen angemessen umzugehen und die die Gesunderhaltung fördern.
Lesezeit 5 Minuten.

Bestimmt kennen auch Sie Menschen, die in stressigen, schwierigen Situationen gelassen bleiben, den Überblick und selbst unter großem Druck ihre Leistungsfähigkeit behalten, sowie persönliche Angriffe mit scheinbarer Leichtigkeit wegstecken.
Solche Menschen besitzen die Fähigkeit der Resilienz.

Def.: Resilienz (von lateinisch resilire „abprallen“) ist die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen, die dabei hilft, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigungen gut zu überstehen oder anders ausgedrückt, trotz Widrigkeiten, psychisch gesund zu bleiben.

Andere Menschen hingegen neigen zum „Katastrophisieren”, wie Psychologen es nennen. Sie malen sich nach Kräften aus, was alles schiefgehen könnte, gehen vom Schlimmstmöglichen aus, bauen Ängste auf und sorgen so für großen Stress.

Sind Menschen mit der Fähigkeit zur Resilienz eher selten?

Ganz im Gegenteil: Zahlreiche Studien, bei denen Menschen mit traumatischen Erfahrungen befragt wurden, ergaben, dass ⅔ von ihnen resilient, also widerstandsfähig und belastbar sind ¹). Deutlich mehr als man vielleicht vermuten würde. Sie haben es nicht nur geschafft, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und sich zu erholen, sondern auch wieder komplett in ihren Alltag zurückzufinden.

Darüber hinaus scheinen resiliente Menschen durch die Erfahrungen aus einer überstandenen Krise die Sicherheit gewonnen zu haben, Schwierigkeiten fortan besser meistern zu können.

Der Spruch „was mich nicht umbringt, macht mich stark”, ist zwar alt, ist aber im Grunde eine einfache Erklärung von Resilienz.

So gesehen sind große und kleine Krisen eine Art Resilienztraining. Mit jeder überstandenen Herausforderung kann unsere Abwehrkraft zunehmen – ähnlich unserem Immunsystem, das erst durch die Konfrontation mit Viren und Bakterien lernt, Krankheitserreger zu bekämpfen.

Was kann man in einer Situation, die man nicht oder nicht sofort ändern kann, im besten Fall tun?

Eine wichtige Voraussetzung zur Bewältigung von Krisen ist Selbstverantwortung zu übernehmen.

Diejenigen, die Verantwortung für ihre Situation übernehmen, gewinnen die Kontrolle und die Freiheit zurück, den Umgang mit der Situation zu ändern.
Wer sich beispielsweise seinen Rückenschmerzen ausgeliefert fühlt, kann nicht selbstwirksam werden.
Wer aber zu der Überzeugung gelangt, etwas an seiner Situation verbessern zu können – und sei es auch erst einmal nur den Umgang mit dem Schmerz zu verändern  – ergibt sich nicht mehr dem Schmerz, sondern versetzt sich selbst in die Lage, die Kontrolle wieder zurückzugewinnen.

Halten wir vielleicht sogar viel mehr aus, als wir uns zutrauen?

Wesentlich ist, ins Handeln zu kommen und etwas zu tun.

Das kann in unserem Beispiel vom Rückenschmerz sein:

  • mit einer Therapie zu beginnen (z.B. mit einer interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie IMST ²))
  • sich mehr und regelmäßiger zu bewegen
  • Termine beim Physiotherapeuten zu vereinbaren
  • Entspannungstechniken zu erlernen
  • sich mit einem Freund zu verabreden
  • soziale Kontakte zu pflegen
  • mit einem Psychologen über die letzten Wochen und Monate zu sprechen
  • bereit zu sein, Hilfe und Unterstützung anzunehmen
  • sich Ziele zu setzen.

Viele Patienten berichten davon, dass in dem Moment, als sie ihre Situation annahmen, ein Umdenken stattfand. Sie setzten sich neue Prioritäten und Ziele und begannen, besser mit dem Stress, den der Schmerz auslöste, umzugehen. Nach und nach erlangten sie wieder eine optimistischere Sicht auf das Leben.

Die Überzeugung eines Menschen, aus eigener Kraft sein Leben meistern zu können, nennt man "Selbstwirksamkeitserwartung".

Vor Krankheiten und Tiefschlägen ist niemand gefeit. Menschen, die in einer Krise nicht nach Schuldigen suchen, sondern nach einem Ausweg, erleben diese so schmerzhaft wie andere, doch in ihrem Fall lähmt sie der Schmerz nicht. Sie sind davon überzeugt, dass sie ihr Leben meistern können, da sie über eine große Selbstwirksamkeitserwartung verfügen.

Hinzu kommt, dass es bei der Bewältigung von Krisen auch Raum für anderes geben sollte. Wenn sich das Leben nicht ausschließlich um die eine Sache dreht, wirkt alles andere wie eine Art Puffer. Daher ist es wichtig, sich nicht aus dem Leben zurückzuziehen, sondern weiterhin für eine gesunde Work-Life-Balance, verschiedene soziale Kontakte, Offenheit, Neugier und Ausprobieren zu sorgen.

Wie erlangt man Resilienz?

Mit dem Fortschritt der Genforschung zeigte sich, dass Resilienz auch generationenübergreifend weitergegeben wird ³). Doch nicht nur unsere Gene beeinflussen unsere Widerstandskraft, sondern auch unsere Umwelt. Resilienz ist somit erlernbar und das beginnt bereits im Kindesalter.

Untersuchungen zeigten, dass diejenigen besser mit Rückschlägen umgingen, die früh Vertrauen kennenlernten. Von denen, die eine schwierige Situation überstehen mussten, waren die, die von klein auf etwa eine stabile Bezugsperson hatten, die sie bestärkte und im besten Fall liebte, später resilienter als Menschen ohne emotionalen Halt.

Doch heißt das nun für die Menschen, die kein seelisches Polster aus der Kindheit besitzen, dass sie mit weniger Resilienz durchs Leben gehen müssen?

Prof. Raffael Kalisch 4) forscht am Deutschen Resilienz Zentrum der Universität Mainz und umschreibt Resilienz als einen „dynamischen Anpassungsprozess“. Auch als Erwachsener kann man noch umlernen und schädliche ­Assoziationen (wie bspw. das Katastrophisieren) wieder verlernen.
Optimismus ist dabei wesentlich für die Entwicklung innerer Kraft. Sie lässt die Menschen auch dann standhalten, wenn die Lebensplanung ins Wanken gerät.
Und auch wer über eine sog. kognitive Flexibilität verfügt und sich rasch auf neue Situationen einstellen kann, reagiert resilienter. Menschen, die gelernt haben, ihre Gefühle in den Griff zu bekom­men, haben größere Chancen, einen Ausweg aus einer scheinbar aussichtslosen Lage zu finden.

Fazit

Menschen sind erstaunlich widerstandsfähig und überstehen oftmals selbst schwere Krisen unbeschadet. Aus jeder gemachten Erfahrung erwächst neue Stärke, die ein stückweit robuster macht. Und auch durch Optimismus und sozialen Rückhalt lässt sich die psychische Widerstandskraft/ Resilienz im Laufe des Lebens weiter vergrößern.

Es ist daher wichtig, sich nicht wegzuducken und in negativen Gedankenschleifen zu verharren. Stattdessen sollten wir alles daran setzen, den Blick auch in schwierigen Situationen optimistisch nach vorne zu lenken. Damit, so sind sich Mediziner sicher, kann jeder Mensch durch die Veränderung seiner Wahrnehmung und seines Verhaltens, seine Gesundheit langfristig stärken.

Unserer inneren Kraft, die uns jedes Mal dabei hilft, wieder auf die Beine zu kommen, können wir vertrauen.
Denn tatsächlich halten wir viel mehr aus, als wir uns so manches Mal zutrauen.


Weiterführende Informationen:

Erkenntnisse der Resilienzforschung im Kindes- und Jugendalter bis 2007

Risk, resilience, and recovery: Perspectives from the Kauai Longitudinal Study (Pionierstudie von 1971 zum Thema Resilienz der US-amerikanischen Forscherin Emmy Werner)

Folgestudie: High-risk children in young adulthood: A longitudinal study from birth to 32 years.

¹) TC George Bonanno: Why most people are resilient to life’s worst events

²) Als interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (IMST) wird die gleichzeitige und in der Vorgehensweise aufeinander abgestimmte Behandlung bezeichnet, in der verschiedene somatische, körperlich und psychologisch übende und psychotherapeutische Verfahren nach vorgesehenem Behandlungsplan mit unter den Therapeuten abgesprochenem Therapieziel eingebunden sind.
Informationen der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. zur IMST

³) Genomics and Psychological Resilience: A Research Agenda

4) Raffael Kalisch ist Professor für Bildgebung des menschlichen Gehirns und Gründungsmitglied des Deutschen Resilienz-Zentrums (DRZ) an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Dort leitet er die Abteilung für Genetische und Netzwerkmechanismen der Resilienz. Seine derzeitige Forschung beschäftigt sich damit, wie Menschen Stress bewältigen.
(Sein Buch „Der resiliente Mensch: Wie wir Krisen erleben und bewältigen
bietet einen sehr guten Einblick in jene Mechanismen, die ausschlaggebend dafür sind, wie wir auf Krisen oder Schicksalsschläge reagieren und was uns dabei hilft, trotz aller Widrigkeiten, gesund zu bleiben.)

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